Biffy Clyro

Normalerweise steht Bartees Strange mit kompletter Band auf der Bühne. Doch an diesem Abend im Zenith war er auf sich allein gestellt – nur mit seiner Gitarre und seiner außergewöhnlichen Stimme bewaffnet. Was zunächst nach Reduktion klingt, entpuppte sich schnell als Verdichtung: Jeder Ton bekam mehr Gewicht, jede Textzeile mehr Nachhall. Er füllte den Raum mühelos, als stünde eine ganze Band hinter ihm.

Als er sich dem Publikum vorstellte, erzählte, dass er aus Baltimore komme und gerade sehr froh sei, nicht in den USA zu sein, brandete unterstützender Jubel auf. Ein kurzer Moment zwischen Musik und Zeitgeschehen, der Nähe schuf und zeigte, wie sehr Musik auch Verbindung sein kann.

Und doch blieb ein leichter Bruch: So intensiv und berührend sein Auftritt war, passte seine melancholische, oft introvertierte Klangwelt nur bedingt zur späteren Wucht der Hauptband. Vielleicht war es genau dieser Kontrast, der faszinierte – vielleicht aber auch etwas zu viel Schwermut im Vorprogramm eines Abends, der noch hymnisch werden sollte.

Schon das Bühnenbild von Biffy Clyro wirkte wie eine stilisierte Berglandschaft – zerklüftet, monumental, fast schon symbolisch. Unweigerlich dachte man an „Mountains“. Sänger Simon Neil nutzte dieses Setting konsequent: Beinahe zu jedem Song erklomm er ein anderes Podest, als wolle er den nächsten emotionalen Gipfel markieren. Eine physische Übersetzung der Dramaturgie ihrer Musik.

Und dann ist da noch dieser Moment, der fast schon zur Ikonografie der Band gehört: Simon Neil oberkörperfrei auf der Bühne. Aus feministischer Perspektive mag man das Zelebrieren nackter Männerkörper durchaus kritisch betrachten – zu oft reproduziert Rockposen alte Muster von Dominanz und Macho-Gestus. Doch in diesem Fall kippt die Geste ins Künstlerische. Neil wirkt nicht wie jemand, der sich inszeniert, um zu imponieren, sondern wie ein Performer, der sich kompromisslos der Musik ausliefert. Sein Körper erscheint weniger als Objekt, mehr als Ausdrucksmittel – tätowiert, verschwitzt, verletzlich. Fast wie ein lebendiges Kunstwerk im Scheinwerferlicht.

Unterstützt wurde die Band von zwei Streichern, die dem ohnehin epischen Sound zusätzliche Tiefe verliehen. Die Arrangements gewannen an Größe, ohne überladen zu wirken.

Schmerzlich vermisst wurde Bassist James Johnston, der aktuell pausiert, um sich um seine psychische Gesundheit zu kümmern. Sein Fehlen war spürbar – menschlich wie musikalisch. Umso bemerkenswerter war die gefundene Lösung: Eine Bassistin übernahm seinen Part und fügte sich phänomenal ins Gesamtbild ein. Unaufdringlich, präzise, präsent – ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Schlagzeuger Ben Johnston hingegen war seitlich im Hintergrund positioniert, was ihn optisch etwas zu unauffällig erscheinen ließ. Musikalisch jedoch bildete er wie gewohnt das treibende Fundament.

Am Ende war es genau diese Mischung aus Bühnenpräsenz, Pathos und hymnischer Kraft, die das Zenith zum Leuchten brachte. Kaum jemand im Publikum, der nicht lächelte, mitsang oder zumindest innerlich bewegt war. Allein ihre Präsenz macht Biffy Clyro zu einer der besten Livebands der Welt.

Und wenn sie „Space“ anstimmen und Simon Neil singt:
“There is always a space in my heart for you”,
dann wird klar: Dieser Raum ist an diesem Abend nicht nur metaphorisch. Er ist real – und randvoll gefüllt mit Euphorie.

12.02.2026 | Zenith | München

© t u n e a r t / Käthe deKoe