Wahrscheinlich das wichtigste Konzert des Jahres. Zumindest eines, das noch lange nachhallen wird. Ebow spielt Heimspiel in München, in der Muffathalle, und hat ihr neues Album Typologie eines Lebens im Gepäck. Doch was an diesem Abend passiert, ist weit mehr als ein Konzert. Es ist ein Raum für all das, was gerade so viele Menschen beschäftigt, erschöpft, verletzt und gleichzeitig am Leben hält.
Ebow schafft es wie kaum eine andere, Erfahrungen in Worte zu fassen, für die vielen Menschen im Alltag die Sprache fehlt. Als Person mit mehrfach marginalisierten Erfahrungen macht sie genau das zum Gegenstand ihrer Kunst. Sie beschreibt Gefühle, Widersprüche und gesellschaftliche Realitäten, die im Publikum nicht nur gehört, sondern verstanden werden. Weil so viele sie selbst kennen. Weil manche diese Erfahrungen schon viel zu lange mit sich herumtragen. Und weil es unglaublich gut tut, wenn jemand ausspricht, was man selbst oft nur schwer erklären kann.
Da ist beispielsweise die Frage nach Dankbarkeit. Ebow ist als Arbeiterkind in Deutschland geboren und beschreibt, dass sie diese Dankbarkeit, die Teile der Gesellschaft von ihr erwarten, gar nicht empfindet. Warum auch? Sie ist hier geboren. Deutschland ist ihr Zuhause. Trotzdem scheint sie sich für ihre bloße Existenz und dafür, hier leben zu dürfen, rechtfertigen oder dankbar zeigen zu müssen. Allein diese Erwartung ist kräftezehrend. Und sie macht deutlich, wie tief bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen sitzen und wem das Recht auf Selbstverständlichkeit zugestanden wird – und wem eben nicht.
Nach ihrem Song Arbayt erzählt Ebow von einem Projekt, in dem mehrere Künstlerinnen das Gedicht Mein Name ist Ausländer von Semra Ertin sprechen. Auch ihre Mutter ist an diesem Abend im Saal. Sie berichtet davon, wie sie gemeinsam mit Ertins Schwester einen Deutschkurs besucht hat. Plötzlich wird Geschichte persönlich. Ein Gedicht, das gesellschaftliche Verhältnisse beschreibt, verbindet sich mit konkreten Biografien, Erinnerungen und Menschen, die diese Verhältnisse selbst erlebt haben. Es sind solche Momente, in denen klar wird, dass es hier nicht um abstrakte Debatten geht, sondern um echte Leben.
Und Arbayt bekommt noch einmal eine ganz eigene Wucht, wenn man bedenkt, wie sehr Arbeitsmoral und die vermeintliche Leistungsbereitschaft der Menschen derzeit politisch in den Mittelpunkt gerückt werden. Während Bundeskanzler Friedrich Merz immer wieder die Arbeitsmoral und die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung thematisiert, erzählt Ebow davon, was Arbeit, gesellschaftliche Erwartungen und der ständige Druck, sich beweisen zu müssen, für Menschen tatsächlich bedeuten können. Wer darf sich erschöpft fühlen? Wer muss immer noch ein bisschen mehr leisten? Und wer muss sich eigentlich ständig erklären?
Mitten im Konzert öffnet sich ein Vorhang. Darauf stehen in fetten schwarzen Buchstaben die Worte: PROTECT TRANS LIVES.
Ein Statement, das keinen Interpretationsspielraum lässt. Und eines, das in diesem Moment so viel mehr ist als eine Botschaft auf einer Bühne. Es geht um Menschen, deren Existenz immer wieder infrage gestellt wird. Um trans Personen, um queere Menschen, um all jene, die gerade erleben, wie ihre Rechte, ihre Sicherheit und ihre Selbstbestimmung zunehmend zum politischen Spielball werden. Es geht um Menschen, die ohnehin schon viel zu oft gegen Widerstände ankämpfen müssen und deren Alltag von Ängsten geprägt sein kann, die andere gar nicht kennen.
Aber an diesem Abend sind sie nicht allein.
Hier können marginalisierte Menschen füreinander da sein. Hier muss niemand die eigene Existenz erklären, verteidigen oder rechtfertigen. Hier darf man sein, ohne sich ständig fragen zu müssen, ob man gerade zu viel ist, falsch ist oder nicht dazugehört. Für einen Moment entsteht ein Raum, in dem man sich sicherer fühlen kann. In dem Solidarität nicht nur ein Wort ist, sondern spürbar wird. Und in dem klar wird, wie viel Kraft darin liegt, einander nicht allein zu lassen.
Vielleicht ist es genau das, was diesen Abend so besonders macht: die Rücksichtnahme im Publikum. Dieses Gefühl, dass Menschen aufeinander achten, sich gegenseitig Raum lassen und verstehen, dass nicht alle mit denselben Voraussetzungen durchs Leben gehen. Niemand muss hier etwas beweisen. Niemand muss härter sein, als er gerade sein kann. Es ist eine Atmosphäre, die sich so selbstverständlich anfühlt und doch leider alles andere als selbstverständlich ist.
Und plötzlich denkt man: Es könnte so viel schöner sein. So viel friedlicher. Eine Welt, in der Menschen einander nicht ständig etwas wegnehmen wollen, sondern sich gegenseitig etwas ermöglichen. Eine Welt, in der Solidarität nicht an der eigenen Betroffenheit endet. Eine Welt, in der wir nicht erst dann zuhören, wenn uns selbst etwas passiert.
Auch Free fühlt sich in diesem Moment wie einer der wichtigsten Songs überhaupt an. Freiheit ist schließlich nichts, was für manche Menschen gelten sollte und für andere nicht. Sie ist kein Privileg, das man sich durch Anpassung, Leistung oder Dankbarkeit verdienen muss. Und sie ist ganz sicher nichts, was man anderen zugestehen kann, solange es gerade politisch bequem ist. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der so viele Menschen um ihre Rechte und ihre Sicherheit bangen, bekommt dieser Song eine besondere Dringlichkeit.
Dass einige Menschen das Konzert früher verlassen müssen, weil ihnen die Emotionen zu viel werden, gehört ebenfalls zu diesem Abend. Nicht jeder kann alles aushalten. Nicht jede Erfahrung lässt sich einfach wegatmen, und nicht jede Wunde bleibt still, nur weil man sich gerade auf einem Konzert befindet. Auch das ist Teil dieser Realität. Musik kann auffangen, aber sie kann eben auch Dinge berühren, die schmerzen. Vielleicht liegt gerade darin ihre Kraft: dass sie Gefühle zulässt, für die sonst oft kein Platz ist.
Ebow, du Queen. Danke für deine Worte, für deine Haltung und für diesen Raum. Danke dafür, dass du Dinge aussprichst, die ausgesprochen werden müssen, und Menschen das Gefühl gibst, mit ihren Erfahrungen nicht allein zu sein. Danke für einen Abend, der nicht einfach nur unterhält, sondern etwas in Bewegung setzt.
Möge dein Kissen immer kühl bleiben.

22.10.2026 | Muffathalle | München
© t u n e a r t / Käthe deKoe