Turbobier

Dieser Beitrag wurde mit einem Kater geschrieben.
Und zwar nicht mit irgendeinem kleinen „Zwei-Achterl-Wein-und-alles-ist-wieder-gut“-Kater, sondern mit jener Art von Schädel, bei der selbst das Öffnen der Augen klingt wie ein schlecht gestimmtes Schlagzeugsolo. Verantwortlich dafür: Turbobier und ihr Abrisskommando im seit Monaten restlos ausverkauften Strom.

Mit ihrem neuen Album „Das Leben is ein Oaschloch“ verwandelte die Wiener Bier-Punk-Institution den Club in eine Mischung aus Sauna, Fußball-Auswärtsfahrt und Gruppentherapie für Menschen mit leichtem Alkoholproblem. Und genau deshalb war’s großartig.

Dabei gab es an diesem Abend nicht nur musikalisch Grund zum Feiern: Das neue Album schaffte es direkt von null auf Platz 3 der österreichischen Charts. Hier findet man noch die Rezession. Eine Leistung, die beweist, dass man auch 2026 noch mit Bier, Schmäh und ehrlichem Punkrock Menschen erreichen kann – und zwar offenbar ziemlich viele.

Kurz vor der Show erzählte mir Frontmann Marco Pogo noch stolz (zurecht), dass er das Bühnenbild monatelang selbst „zusammengebastelt“ habe. Mehrere schwarz lackierte Bierkisten, dekoriert mit indirektem Licht und sogar brandschutztechnisch abgesichert. Das Herzstück war allerdings ein eigener Kühlschrank voller Turbobier direkt auf der Bühne. Praktisch, falls während des Konzerts plötzlich eine dramatische Bierknappheit ausbrechen sollte. Man will schließlich vorbereitet sein.

Musikalisch wurde ab Sekunde eins keinerlei Gefangene gemacht. Bereits der Opener „Feuerwerfestl“ ließ das Strom komplett eskalieren. Innerhalb von wenigen Minuten war klar: Hier gibt es heute keine passive Zuschauerrolle. Das Publikum sang jede einzelne Zeile mit einer Hingabe, als würde morgen eine schriftliche Prüfung über Turbobier-Texte stattfinden.

Besonders beeindruckend: Die Mischung aus alten Hymnen und neuen Songs funktionierte perfekt. Während bei „King of Simmering“ und „VHS“ kollektiv Bier in die Luft gehalten wurde, entwickelte sich „Fuaßboiplotz“ endgültig zum inoffiziellen Soundtrack jeder österreichischen Jugend zwischen Dosenbierautomat und Gemeindebau. Spätestens bei „Insel muss Insel bleiben“ und „Arbeitslos“ verwandelte sich das Strom endgültig in einen schwitzenden Chor aus hunderten glücklichen Menschen mit erstaunlich hoher Textsicherheit trotz fortgeschrittener Promillewerte.

Doch auch die neuen Songs mussten sich keineswegs verstecken. Der Titelsong „Das Leben is ein Oaschloch“ wurde bereits jetzt wie ein langjähriger Klassiker gefeiert und bei „Radikale BierschützerInnen“ erreichte die Stimmung endgültig jenen Pegel, bei dem man kurz vergisst, dass man am nächsten Morgen eventuell noch ein normales Leben führen sollte.

Das wahre Highlight kam allerdings ganz am Ende. Statt sich für die Zugaben einfach nur wieder auf die Bühne zu stellen, mischte sich die Band mitten ins Publikum. Plötzlich stand Marco Pogo samt Band direkt zwischen den Fans und spielte dort noch „Ausrasten“, „Floschnpfand“ und schließlich „Sternderlzeit“. Und spätestens bei diesem absoluten Ohrwurm lagen sich wildfremde Menschen in den Armen, sangen gemeinsam und schwitzten friedlich umeinander herum wie auf einem sehr alkoholisierten Klassentreffen.

Am Ende blieb ein Konzert, das genau das war, was ein Turbobier-Abend sein soll: laut, herzlich, komplett überhitzt und vermutlich medizinisch leicht bedenklich.

Bleibt nur zu hoffen, dass Turbobier bald wieder nach München kommen.
Und falls nicht, muss man wohl oder übel im Dezember selbst nach Österreich pilgern.
Der Kater ist es jedenfalls wert.

09.05.2026 | Strom | München

© t u n e a r t / Käthe deKoe